Die Mühlen von Köppern

Taunuszeitung
26.02.2008

Aus der Hausaufgabe wird ein Buch

Köppern. Sie sind zu Recherche-Zwecken den Erlenbach entlanggewandert und haben in Gummistiefeln den Mühlgraben erkundet. „Wir haben uns für unsere Mühlenwanderung drei Tage Zeit genommen und sind von der Tannenmühle aus bis zur Walkmühle gelaufen. Dabei haben wir sogar einen Schieber einer Mühle und einige Eisenteile entdeckt“, berichtet Jonas Belzer.

Wie ein Detektiv kam sich der 12-Jährige vor, der seinen Bruder Daniel (10), seine Mutter Antje und vor allem seinen Vater Holger für sein ungewöhnliches Projekt begeistern konnte: „Wir haben die Geschichte der zehn ehemaligen Mühlen Köpperns erkundet“, erzählt Jonas. Das Ergebnis halten Holger und Jonas Belzer jetzt stolz in den Händen: Die Familienexkursionen und die ausgiebigen Recherchen haben Vater und Sohn zu einer 63 Seiten starken Dokumentation „Die Mühlen von Köppern – Gestern und heute“ inspiriert. Herausgegeben hat die historische Broschüre der Verein „Lebendiges Köppern“.

Eigentlich ist das Werk von Vater und Sohn Belzer ein Zufallsprodukt. „Auslöser war eine Schularbeit“, erzählt Jonas. „Im Erdkundeunterricht konnten wir uns ein heimatkundliches Thema frei aussuchen und darüber ein Kurzreferat halten“, blickt der Zwölfjährige zurück, der in die sechste Klasse der Phillip-Reis-Schule geht. „So habe ich mich für das Thema Mühlen entschieden“, meint er.

Bei den Recherchen für seine Schularbeit hat Jonas schnell gemerkt, dass es unzählige Informationen zu dem Thema gibt, die es aufzuarbeiten und zu erforschen gilt – viel mehr, als in einem zehnminütigen Schulreferat unterzubringen war. „Wir sind immer mehr in den Sog dieses faszinierenden Themas geraten. Jonas’ Forschergeist und auch meiner waren geweckt. Damit hat er unsere ganze Familie infiziert“, erinnert sich Holger Belzer lachend. „Uns kam alles wie ein Puzzle vor, für das wir immer mehr Teile suchen wollten.

Das Buchprojekt hat Jonas übrigens schnell damit versöhnt, dass der Erdkundelehrer sein Mühlenreferat schlecht benotet hat. Kurios: Bei der Spurensuche stießen die Belzers auf bisher unbekannte familiäre Wurzeln. „Die Vorfahren meiner Frau, eine gebürtige Meyer, sind seit elf Generationen in Köppern ansässig“, berichtet Holger Belzer. „Wir fanden heraus, dass einer ihrer Vorfahren ebenfalls Müller in Köppern war. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Jonas in seinem Wissensdurst und Eifer nicht mehr zu bremsen.

Hilfreich war bei der Spurensuche und der Aufarbeitung des Themas nicht nur die heimatkundliche Bibliothek von Jonas’ Großvater. „Wir haben uns auf die Suche nach Menschen gemacht, die uns etwas über die Mühlen erzählen können. Auch im Stadtarchiv, in der Stadtbücherei und bei der evangelischen Kirchengemeinde haben wir nachgeforscht und haben sogar ein altes Kirchenbuch in den Händen gehabt“, schwärmt Vater Holger Belzer.

Das Schönste an der Spurensuche waren aber die zahlreichen Gespräche mit ,Ur-Köppernern‘“, erinnert er sich. „Unser Dank gilt natürlich unserem Köpperner Hobbyhistoriker August Will, der uns immer unterstützt hat“, betont Holger Belzer. Über ihn kam auch der Kontakt zum Verein „Lebendiges Köppern“ zu Stande. Der Verein, der sich unter anderem für den Erhalt und die Flutung des historischen Mühlgrabens einsetzt, erklärte sich sofort bereit, die Dokumentation der Belzers zu veröffentlichen. „Wir sind alle von der großen Resonanz auf die Schrift überwältigt“, meint Uta Petry, Pressereferentin des Vereins. „Für uns als Verein ist es die erste Schrift überhaupt, die wir herausgeben. Deshalb haben die Belzers mit ihrem Buchprojekt bei uns offene Türen eingerannt“, erklärt Petry. Die erste Auflage von 100 Stück war schnell vergriffen. „Aber wir haben bereits 125 nachdrucken lassen“, berichtet sie.

Voll des Lobes ist auch der Vorsitzende des Vereins, Erich Gerlach: „Die Autoren Holger und Jonas Belzer haben mit großer Leidenschaft und Akribie in mühsamer Kleinarbeit dieses lesenswerte Werk erstellt“, schreibt er in seinem Grußwort in der Dokumentation. Das Buch sei, wie das Rad im Köpperner Wappen, ein beachtenswertes Mahnmal, Vergangenes nicht zu vergessen. „Wertvolle Bilder und ein gekonnter Text erinnern uns an die schönen alten Mühlen in Köppern“, so Gerlach weiter. „Für die alten Köpperner meiner Generation bedeutet die Lektüre dieses Bildbandes eine wehmütige Reise in unsere Jugend und Vergangenheit. Walkmühle, Rossbachermühle, Erlenbachwehr und Bachgängeleche, das waren die Abenteuerspielplätze in unseren jungen Jahren.

Wer denkt, dass für Jonas und seinen Vater das Kapitel Köpperner Mühlen abgeschlossen ist, irrt. „Es sind immer noch viele Fragen offen, deshalb forschen wir weiter“, verrät Holger Belzer. Die Belzers zieht es auch im Urlaub zu Mühlen. „Zu Recherchezwecken haben wir verschiedene themenbezogene Museen, Lehrpfade und Schaumühlen in Deutschland, Österreich und Südtirol besucht“, erzählt Holger Belzer. Der 41-Jährige zeichnet außerdem für die technische Umsetzung des Online-Auftritts des Mühlenlehrpfads Zederhaus in Österreich verantwortlich.

Die Faszination Mühlen lässt uns so schnell nicht los“, sind sich Vater und Sohn einig. (ksp)

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Quelle: http://www.rhein-main.net/sixcms/list.php?page=fnp2_news_article&id=4326028